"Europe's Digital Economy at Risk"

Paulchens Branchenblog: analytisch, tiefgründig, kritisch, blendfrei erleuchtend

"Europe's Digital Economy at Risk"

Auszug aus Handelsblatt print 21.11.2014 (Seite 3):

Seit knapp einem Jahr präsentieren die Telekom-Lobbyisten in Brüssel und Berlin ein 22-seitiges Thesenpapier ("Europe's Digital Economy at Risk"). Darin klagt der Konzern über "harsche Regulierung" und "harte Wettbewerbsaufsicht", über zersplitterte Märkte mit mehr als 200 nationalen Anbietern und sinkende Umsätze. Europas Telekomkonzerne würden "zerquetscht" zwischen globalen Branchenriesen wie AT & T, Internetgrößen wie Google und der staatlichen Regulierung.

http://www.wiwo.de/downloads/9057438/2/ ... 20t%20Risk

Anmerkungen Paulchen:
Trend 1: Schon als Timo von seinem USA-Seminar 2013 zurück kam, war er mit panischer Sorge erfüllt, das die aggressiven US-Telefongesellschaften eine europäische Telco übernehmen (Telefonica oder vodafone) könnten, um sich auch auf dem europäischen Telecom-Markt breit zu machen. Hierzu ist anzumerken, dass solche Übernahmen von den europäischen (Wettbewerbs-)Behörden genehmigt werden müssen. Bei dem aktuellen schlechten "Datenschutz"-Image der USA dürften die europäischen Behörden aktuell wohl weniger zu einer Genehmigung geneigt sein....
Allerdings wird sich der (monetäre) "Übernahmedruck" in den nächsten Jahren sicherlich noch erheblich erhöhen, wenn der Euro durch die aktuelle Währungspolitik weiter abgewertet wird. Volkswirte sagen ein Währungsverhältnis von 1 Euro = 1 US-Dollar bis ca. 2016/17 voraus. Dann werden viele europäische Unternehmen für kaufkräftige US-Übernahmefirmen zunehmend billiger und viele US-Unternehmen werden dann auf den europäischen Markt drängen...- dies wird noch eine besondere Herausforderung der europäischen Industriepolitik sein, hier entsprechende Konzepte zu entwickeln...
Trend 2: Es ist richtig, das gerade die führenden europäischen Telecos zwischen 2005 bis 2013 ein "negatives durchschnittliches Wachstum" von -6,8% (Schrumpfung) gezeigt haben - auch damit werden sie zunehmend von ihrem Marktwert ein willkommenes "Übernahmeziel" (z.B.: gehörte die weltweit tätige Vodafone noch 2004 mit einem Börsenwert von 147 Mrd. US-Dollar (heute ca. 93 Mrd. US-Dollar) zu den 15. wertvollsten Unternehmen der Welt nach IBM (149 Mrd. US-Dollar!) und CISCO (160 Mrd. US-Dollar). Die führenden europäischen Telcos können aufgrund der europäischen Marktenge (fragmentierter Markt mit nur 510 Mio. Nutzer bei ca. 200 Betreiber!) hier nicht mit den globalen Telco-Giganten (China Mobile, AT&T usw.) und schon gar nicht mit den globalen OTT (over-the-top)-Contentanbieter (Amazon, Google, MS) - ebenso den weltweiten Endgeräteherstellern Apple und Samsung mithalten.
Die OTT-Contentanbieter haben insbesondere durch die Globalisierungseffekte eine höhere Wertschöpfung - vielleicht müssen die europäischen Telcos eine andere Wertschöpfungsstrategie verfolgen um künftig zu überleben. Man sieht ja, bei den weltweit tätigen europäischen Telecos (global peers), wie vodafone, Telenor, Softbank werden im Gegensatz zu den eher bodenständigen europäischen Ex-Staats-Telcos (Incumbents) höhere jährliche Renditen erwirtschaftet....
...vielleicht hilft da eine vermehrte Internationalisierung - wie es ja vodafone und Telenor betreiben - also NICHT nur Europa ist unsere Heimat (Timo Höttges) - sondern auch Telco-Aktivitäten außerhalb des europäischen Kontinents....

Zusammengefasst:
(Seite 21)
1. Wettbewerb: Europa ist geografisch und von der Bevölkerungszahl kleiner als Asien & Amerika und hat damit nur kleinere Skalenvorteile. Diese können jedoch durch außereuropäische Aktivitäten verbessert werden…(…als Antwort auf außereuropäische „Angriffe“…)
2. Sektorenwert: OTT und telco giants sind weltweit aufgestellt und erreichen damit einen Skalenvorteil…
3. Marktstruktur: 200 nationale Telco-Betreiber in Europa stehen 4-5 nationalen Telco-Betreiber jeweils in den USA und Asien gegenüber. Europa hat mit mehr nationalen Telco-Betreiber mehr qualitative und produktive Vielfalt und sorgt damit für den Verbraucher für einen funktionierenden Wettbewerb…(geringere Marktmacht der Telcos!)
4. Umsätze: Der Umsatzrückgang von 10% in Europa (2008-2016) zeugt von einer Konsolidierung und einem kritischen Verbraucher bei einem funktionierenden Wettbewerb, der sich NICHT jeden Euro aus der Tasche ziehen läßt.
5. Investitionen: Investitionslücke von 270 Mrd. Euro für NGN – die Langzeitinvestitionen von 130 Euro/Kopf liegen deutlich unter 170-180 Euro/Kopf in USA & Asia Pacific. Es folgt ein „ bedarfsorientierter und EU-weit-gesteuerter“ Investitionsausbau. Der Investitionen/Kopf-Vergleich Europa vs. USA/Pacific sagt NICHTS über die „Investitionsqualität“ (Güte) aus. Europa ist „infrastrukturell“ anders (besser) aufgestellt („historische Vorleistungen“; sunk costs) als die USA und Asien/Pacific.

6. Die Regulation begünstigt zwar auch NICHT investierende „Wiederverkäufer, Ent-Bündler“ (Un-Bundlers)“, unterstützt jedoch damit den Wettbewerb gegen „Marktbeherrscher“.
7. Das „Schraubstock-Szenario“, dass die europäischen Telcos zerquetscht werden zwischen den Global Playern, Global OTTs, Services und regulatorischen Maßnahmen und damit kein ausreichender unternehmerischer Spielraum für die europäischen Telcos übrig bleibt ist übertrieben. Die europäischen Telcos können ebenso wie die US-Telcos und asiatischen Telecos weltweit agieren und ihre Skalenvorteile verbessern (siehe vodafone, Telenor usw.).
8. Cybersecurity: Wenn es Europa an integrierter Internetsicherheit, Datenschutz und Schutz der Privatspäre-Strategie mangelt (?) – kann dies kurzfristig europäisch organisiert werden. Hinsichtlich Datenschutz dürften ohnehin die europäischen Regelungen strenger als die US-amerikanischen Regelungen sein, da hier (Deutschland, Europa) weitgehend rechtsstaatliche Prinzipien angewendet werden.

Die „Studie“ übertreibt, um den europäischen Telcos mehr Freiheiten im Wettbewerb durch EU-Institutionen zuzugestehen….(Lobbyismus)

Zurück zu „Branchenblog“